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Kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen 2016 lädt die konservative Lobbyorganisation Secure America Now zu einer Gedankenreise in die Schreckensvision eines „islamisierten Deutschland“ ein.

Ende 2016 versetzte das Video WELCOME TO THE ISLAMIC STATE OF GERMANY – in Auftrag gegeben von der konservativen US-Lobbyorganisation Secure America Now und produziert von der Werbeagentur Harris Media mit Firmensitz in Austin, Texas – die deutsche Medienlandschaft in Aufruhr. Mit der Ästhetik eines touristischen Werbefilms und unverblümt provokanter Rhetorik bewirbt der anderthalbminütige Clip die Vorzüge eines fiktiven „Islamic State of Germany“, eines „Islamischen Staates Deutschland“. WELCOME TO THE ISLAMIC STATE OF GERMANY ist mit über einer Million Aufrufen das meistgesehene in einer Reihe von insgesamt drei thematisch verwandten Videos, die neben Deutschland auch die Zukunft Frankreichs und der Vereinigten Staaten als islamistische Theokratie karikieren. Während die deutsche Presse das Video überwiegend kritisch rezipierte und es als „bizarres“1 „Wahnvideo“2 beschrieb, verlautbarten diverse rechtspopulistische Blogs, in der überspitzten Darstellung einen „wahren Kern“3 ausmachen zu können.

Das englischsprachige Video bedient sich einer typischen Werbeästhetik, jedoch mit unverhohlen zynischem Unterton. Bereits die Wortwahl des Titels ist an Tourismus-Imagefilme angelehnt: „Willkommen im Islamischen Staat Deutschland – Buche jetzt Deine Reise“. Als der Sprecher das Wort ergreift und mit aufgesetzt deutschem Akzent die Historie des neuen Staates erläutert, wird auf bildlicher wie erzählerischer Ebene eine Schreckensvision ausgebreitet: Aufgrund des Zuzugs syrischer Flüchtlinge sei es den „tapferen Jihadi-Kämpfern“ des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) gelungen, Deutschland zu „infiltrieren“, um das einst demokratische System auszuhöhlen und gemäß der extremistischen Religionsauslegung der Terrororganisation in den „Islamischen Staat Deutschland“ zu verwandeln. Diese fiktive Transformation symbolisierend, werden Standbilder von typisch deutschen Volksfesten und markanten Sehenswürdigkeiten durch digitale Nachbearbeitung mit islamischen und gelegentlich djihadistischen Symbolen versehen: An Schloss Neuschwanstein und am Brandenburger Tor weht die schwarz-rot-goldene Tauhid-Flagge des „Islamischen Staates Deutschland“, der Kölner und Berliner Dom werden zu Moscheen umfunktioniert, und auf dem Oktoberfest werden weder Schweinefleisch noch Alkohol ausgegeben. Abschließend wird dazu aufgerufen, eine Reise in das neue Deutschland zu buchen, um die „new Kultur of Islam“ aus erster Hand zu erleben.

Der Tonfall des Videos lässt derweil keinen Zweifel daran, dass trotz der Rückbezüge auf die Terrororganisation IS nicht nur Djihadisten, sondern vielmehr Muslime im Allgemeinen als Feindbild umrissen werden. Schließlich wird nicht explizit vor einer Schreckensherrschaft extremistischer Milizen gewarnt, sondern vor einer umfassenden Islamisierung der Gesellschaft insgesamt. Die oberflächlich bloß gegen den IS gerichtete Botschaft wird durch eine generalisierend islamophobische und xenophobische Ebene erweitert: Eine Unterscheidung zwischen Flüchtlingen, Muslimen und Jihadisten wird bewusst nicht getroffen, stattdessen werden all diese Gruppen gleichermaßen als Bedrohung für die westliche Gesellschaftsordnung dargestellt. Bewusst spielt das Video dabei mit Ängsten und Erwartungen des geneigten Publikums – immerhin dominierten Schreckensmeldungen von Gräueltaten des IS monatelang die internationale Nachrichtenlandschaft. Es überträgt die mit dem Begriff „Islamischer Staat“ verbundenen negativen Assoziationen auf das überspitzte Szenario einer angeblichen „Islamisierung des Abendlandes“, einer „islamischen Unterjochung“.

Einen unverhohlen zynischen Unterton wählend, wird dieses Untergangsszenario mit ironisch-optimistischen Buzzwords wie „celebrate“ und „experience“ verschränkt – stets darauf vertrauend, dass die Zuschauer die unübersehbare Diskrepanz zwischen augenscheinlicher Werbeästhetik und eigentlicher islamkritischer Aussage korrekt zu deuten wissen. Seiner eigenen Absurdität ist sich das Video durchaus bewusst: Immerhin liegt gerade in der daraus resultierenden Ambivalenz – „Ist das schon Satire, oder ist das noch ernst gemeint?“ – die perfide Stärke des Clips. Einerseits wird so die zugrundeliegende Botschaft unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, während es andererseits im gleichen Atemzug möglich bleibt, Kritik mit dem Verweis auf eine satirische Lesart abzuwehren. Das Video ist überspitzt genug, um sich den Deckmantel der Satire überstreifen zu können, aber zugleich noch eindeutig genug, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Tatsächlich verteidigte etwa Vincent Harris, Firmenchef von Harris Media, den Clip gegenüber der Berliner Morgenpost als „subtile Satire4“, die auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen wolle.

Noch weitaus bemerkenswerter ist jedoch die Äußerung von Josh Canter, Sprecher von Secure America Now, der gegenüber der rechtsextremen Plattform Breitbart zu Protokoll gab, dass mit der Videoreihe gezielt unentschlossene US-Wähler angesprochen werden sollten.5 Nicht also war das Video primär an ein deutsches Publikum gerichtet, sondern in erster Linie an Bürger der Vereinigten Staaten. Nicht ohne Grund wurde WELCOME TO THE ISLAMIC STATE OF GERMANY wenige Tage vor der US-Präsidentschaftswahl 2016 veröffentlicht: Auch ohne ein einziges Mal die Namen der beiden Präsidentschaftskandidaten zu nennen, sollte das Video für die Kampagne Donald Trumps mobilisieren, der in seinen Wahlkampfreden nicht selten Merkels Einwanderungspolitik scharf kritisierte. Analog dazu sollten die Albtraum-Bilder des völligen Identitätsverlustes eines islamisierten Europas die Zuschauer zum Protest gegen die Einwanderungspolitik der Demokratischen Partei bewegen, frei nach dem Motto: „Was in Europa passiert, blüht uns auch.“ Ob dem Publikum der amerikanischen Alt-Right-Szene allerdings die Realitätsferne einer angeblichen Islamisierung Deutschlands – einem geografisch fernen Land, das aufgrund seiner vielbeachteten und kontroversen Grenzpolitik für das gleichermaßen absurde wie perfide Gedankenspiel einer Diktatur des Islam herhalten musste – ersichtlich war, bleibt zweifelhaft.

Viktoria Hiebert