Der Bonner General-Anzeiger präsentiert das Projekt in einem Schlaglicht mit dem Titel „Ich forsche gerade…“
Prof. Britta Hartmann gibt Auskunft.

ICH FORSCHE GERADE

…mit zwei Kollegen von der FU Berlin und der Uni Mannheim an einem Projekt, das sich mit Videoaktivismus zwischen Social Media und Social Movement beschäftigt – „Bewegungsbilder 2.0“ ist der Titel. Es geht darum, sich erstmals das Formen- und Praxisspektrum aktivistischer Videos im Web 2.0 systematisch anzuschauen und typologisch zu bestimmen: Die Bandbreite reicht von Augenzeugenvideos der amerikanischen „Witness“-Gruppe über Whistleblower-Videos wie „Collateral Murder“ und Kampagnenfilme wie „Kony 2012“ bis zu Videos von etwa Greenpeace und natürlich auch Propagandavideos von Pegida oder Terrorgruppen.

Wir arbeiten heraus, mit welchen filmischen Mitteln und Rhetoriken in all diesen Videos gearbeitet wird und welches Verhältnis sich feststellen lässt zwischen Informations- und Aufklärungsanspruch einerseits und einer emotionalen Ansprache andererseits. Auffällig ist, dass viele dieser politischen Videos vor allem emotional aktivierend wirken. Wir fragen aber auch danach, wie sich ihre Machart zu den Traditionen des politischen Dokumentarfilms verhält, oder ob es sogar genuin neue Formen gibt, welche das Netz hervorgebracht hat. Es geht darum, in welche Umgebung sie eingebettet sind und welche Formen der Partizipation neben der Möglichkeit des bloßen Klickens, des sogenannten Klicktivismus, für den Rezipienten möglich sind. Dieser Klicktivismus ist ja auch eine Form der Entlastung: Ich schaue mir etwas an, klicke „Gefällt mir“ oder unterzeichne eine Online-Petition und habe mich damit irgendwie engagiert. Manche Folgen der „Aktivierung“ bleiben in der Realität relativ folgenlos, andere setzen sich auf der Straße oder in anderen Bereichen der Öffentlichkeit fort.

Ein Beispiel, das wir untersuchen, ist das von WikiLeaks veröffentlichte Video „Collateral Murder“, aufgenommen von der Zielkamera der Bordkanone eines Helikopters von US-Militärs. Die Besatzung schießt aus großer Höhe auf eine Gruppe von Zivilisten, darunter auch Reporter, und tötet mehrere Menschen. Auf der Tonspur hört man die zynischen Kommentare der Piloten.

WikiLeaks hat dieses Videomaterial zusammengeschnitten und mit Sprachuntertitelung und Markierungen versehen. Wir analysieren jetzt, wie durch diese Kommentierungen oder die Methode, Beweise durch grafische Verdeutlichung herauszuarbeiten, eine rhetorische Überformung stattfindet, die diese Bilder anders deutet, als die Hubschrauberpiloten sie gedeutet haben. Material, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, wird von Videoaktivisten so aufbereitet, dass es als Beweis gegen die Urheber benutzt werden kann. Wir interessieren uns aber auch für professionell gemachte Kampagnenfilme wie „Kony 2012“ über einen zentralafrikanischen Kriegsverbrecher. Das Video wurde wahnsinnig oft angeklickt, ohne dass klar war, worauf die Kampagne hinauslaufen soll. Unsere Frage wäre: Was sind die konkreten Folgen jenseits davon, dass sich die Leute, die das im Netz teilen, besser fühlen?

Britta Hartmann ist Filmwissenschaftlerin an der Uni Bonn. Das von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt läuft erst seit kurzer Zeit, Ergebnisse sollen 2017 vorgestellt werden.