Das Video zeigt die wütende Transgender-Aktivistin Sylvia Rivera auf einer Demo 1973. Zufällig gefunden und ins Netz gestellt, wurde es in kurzer Zeit zur Inspirationsquelle für den queeren Aktivismus der Gegenwart.

Das Webvideo Y’LL BETTER QUIET DOWN ist die digitalisierte Fassung eines unbetitelten, schwarzweißen Analog-Video-Mitschnitts aus dem Jahr 1973, das die kämpferische Rede der amerikanischen Transgender-Aktivistin Sylvia Rivera auf der Christopher Street Liberation Day Rally in New York City zeigt. Darin beklagt Rivera das Desinteresse der vorwiegend weißen, aus der Mittelschicht stammenden Gay Community an der Situation von Transgender-Personen aus der Unterklasse. Nachdem sie offenbar gegen Widerstände ihren Zugang zum Mikrofon erkämpft hat, erinnert sie lautstark an die „gay brothers and sisters“ in den Gefängnissen und berichtet von der dort weit verbreiteten sexuellen Gewalt, der finanziellen Prekarität und den enormen Kosten und Risiken von Geschlechtsumwandlungen. Sie wirbt für ihre Organisation STAR, den Street Transgender Action Revolutionaries, die sich für die Belange von Transgender-Personen – häufig Queers of Color und jugendliche Obdachlose – einsetzt.

Was nach kurzer Zeit auffällt, ist die ungeheure affektive Energie der Rednerin. Riveras Stimme klingt wütend, mal dramatisch, mal krächzend und heiser. Sie überschlägt sich immer wieder und versagt kurzzeitig. Rivera redet in hispanisch-amerikanischem Dialekt, verwendet Kraftausdrücke und berichtet von ihren physischen, insbesondere sexuellen Gewalterfahrungen. Ihre Gesten gegenüber dem anfangs feindseligen Publikum sind herausfordernd und gespielt gelassen, sie zeigt auf die Menge und beschimpft die Anwesenden. Riveras Energie überträgt sich nach und nach auf das Publikum, das im Nachsprechen des Slogans zum Verstärker wird. Während die Aktivistin zu Beginn noch ausgebuht wird, ändert sich die Stimmung unter der unsichtbaren, aber deutlich hörbaren Menge sukzessive, bis sie am Ende lautstark einstimmt und jubelt – ein amplifizierender affektiver Resonanzkörper.

Neben dem Körper fungiert natürlich vor allem das Video als ein Medium. Die Aufnahme zeigt unbearbeitetes, analoges Schwarzweißmaterial aus der Froschperspektive einer tragbaren Amateurkamera. Sie bleibt bis auf die anfänglichen ruckartigen Schwenks zum Publikum und einer kurzen Fokussierung der gereckten Faust bis zum abrupten Ende relativ gleichmäßig und konzentriert an Riveras Körper ausgerichtet. Bei den Zuschauer_innen des Videos werden dadurch empathische Reaktionen angeregt, in deren Zuge die isolierte Sprecherin auf der Bühne gleichsam in Schutz vor der johlenden, anonymen Menge genommen werden soll. Es handelt sich um ein David-gegen-Goliath-Prinzip, demzufolge „wir“ uns auf die Seite der vermeintlich Schwächeren schlagen und daraus positive affektive Gratifikation ziehen.

Die Schlieren des Magnetbandes sowie die für das analoge Video charakteristische Flächigkeit und Unschärfe machen sich als Störungen bemerkbar. Die Rohheit und Low-Fi-Qualität sowohl des analogen als auch des digitalen Videos (letzteres im YouTube-Standardformat mit 480×360 Pixel und Mono-MP3-Audio) fungieren als Authentizitätskode und als Ausweis des Historischen. In diesem Sinne ist auch das Interface der Videoplattform mit seinen Seitenleisten, multiplen Bildfenstern, Kommentarfunktionen und Metadaten keineswegs bloß ein Störfaktor. Der Reiz liegt gerade in diesem hypermedialen Einbettungsverhältnis, in dem von einer digitalen Plattform der Gegenwart auf ein analoges Bild der Vergangenheit zurückgeblickt wird. Den Echtheitseffekt verdankt das Video ja gerade seinem Mangel an Perfektion.

Besonders aufschlussreich ist die Rezeptionsgeschichte von Y’LL BETTER QUIET DOWN, die von mehrfachen künstlerischen und aktivistischen Aneignungen geprägt ist. Während sich über die Filmer_in des Originalvideos keine Angaben machen lassen, handelt es sich bei dem Webvideo um den wohl zufälligen Fund einer ehemaligen Mitarbeiterin des Lesbian Herstory Archives in New York City, die das Video 2012 digitalisierte und auf die kommerzielle Videoplattform Vimeo hochlud. Seither kursiert es auf verschiedenen Plattformen und hat im Kontext queerer Öffentlichkeiten eine beachtliche Resonanz erhalten. Das nach Riveras Tod 2002 gegründete Sylvia Rivera Law Project erhielt dadurch größere Aufmerksamkeit, während die Künstlerin Conny Karlsson Lundgren 2013 gemeinsam mit dem schwedischen Performancekollektiv Kvalitétsteatern das Reenactment-Video Y’ALL BETTER QUIET DOWN!/HALLÅ, KAN NI LUGNA NER ER! (9’, HD, Farbe, Sound) produzierte, das Riveras Rede melancholisch verfremdet und polyphon nachstellt.

2013 lud Gossett ein weiteres Video hoch, das die Reaktion der Gegenseite auf derselben Demonstration zeigt. In diesem Video kommt eine Vertreterin des lesbischen Radikalfeminismus zu Wort, die nicht nur Riveras Aneignung der Bühne verurteilt. Sie wertet Mann-zu-Frau-Transgender-Performances insgesamt als eine Beleidung von Frauen – eine Position, die heute mehrheitlich als transphob gewertet wird. Die rund zweiminütige Aufnahme der Aktivistin Jean O’Leary wird nach der Hälfte mit Gegenbildern zweier Drag Queens kontrastiert, die wiederum O’Learys Rede und damit deren Kritik an der Imitation von Weiblichkeit parodieren. Diese Gegenbilder deuten eine vorsichtige Wertung durch die Filmer_in an, die der scheinbar neutrale Blick in Y’ALL BETTER QUIET DOWN noch aufsparte. Durch dieses nachgetragene Video entsteht ein intertextueller Verweiszusammenhang, der das Rivera-Video in neuem Licht erscheinen lässt, da nun die unsichtbare Menge ein repräsentatives Gesicht bekommt.

Über die 25 Viewser-Kommentare lassen sich zudem auch Rückschlüsse auf die Reaktionen aus den queeren Communities und dem LSBTI-Aktivismus ziehen. Im Unterschied zur Hetze, die einige LSBTI-bezogene Videos hervorrufen, hinterließ Y’LL BETTER QUIET DOWN bislang ausschließlich positive Kommentare aus dem Umfeld der Communities in Europa, Nord- und Südamerika. Die Auswertung zeigt, dass dieser spezifische Kontext allerdings durchaus divers ist. So beschreibt sich etwa ein Viewser als Zeitzeuge und postet: „I was there that day“. Ein  Teenager betrachtet das Rivera-Video wiederum im Licht der aktuellen Auseinandersetzungen um den Zugang von Transgender-Personen zu öffentlichen Toiletten: „Oh my gosh. I love this so damn much. I thought that this was some other assignment for school, and I found this and it has changed me. I wish I knew about her before now. As a transboy, this has wowed me more than anything else. #lovewins #ourbathrooms #wejustwannapee

Neben diesem intergenerationellen Bezug lassen sich auch unterschiedliche Sehmodalitäten ausmachen. Während drei Viewser mitteilen „I am in tears right now“, oder „I wish I could see more footage from the actual riot“, und damit die Haltung des interpassiven Kinopublikums einnehmen, folgt die Filmemacherin Kelly Huettner mit ihrer Frage nach dem Copyright des Videos einem aktivistischen Impuls, um das Material in eine „positive documentary on transgender people“ integrieren zu können. Weitere aktivistische Kommentare sehen das Video als „Inspiration“; drei erklären mit Blick auf den nach Rassismus-Vorwürfen gefloppten Kinofilm Stonewall des Action-Regisseurs Roland Emmerich:

„This is what the community needs! Not a whitewashed film about a fictional character leading the rebellion!!“

Diese Kommentare belegen, wie über Generationen, Rezeptionsmodalitäten und politische Konfliktlinien hinweg affektive Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufgenommen werden. In der Retrospektion blicken die Betrachter_innen zurück auf die Vergangenheit, die sie zugleich vergegenwärtigen, wobei der starke Präsenzeffekt paradoxerweise gerade über die konstitutive Absenz, die durch das Speichermedium Video überbrückt wird, entsteht.

Wie erklärt sich nun die besondere affektive Resonanz des Videos? Was die Viewser-Kommentare verdeutlichen, ist, dass das Video als eine Art Zeitkapsel empfunden wurde – eine Haltung, die der Filmwissenschaftler Lucas Hilderbrand als „Retroaktivismus“ beschreibt. Mit den Kulturtheoretikerinnen Lisa Duggan und Jasbir Puar kritisieren queere Aktivist_innen gegenwärtig die neoliberale Umdeutung sexualpolitischer Fortschritte, die sich als homonormatives Privileg der weißen Mittelschicht erweise. Einer ähnlichen Lage sah sich auch Rivera ausgesetzt. Nach dem radikalen Befreiungsschlag durch die Stonewall Riots 1969 reorganisierten sich in den USA schwule und lesbische Communities und drängten dabei Transgender-Personen und Queers of Color ins politische Abseits – eine Strategie, die Rivera in ihrer Rede vehement kritisiert. Wie die ‚Affäre Emmerich’ zeigt, ist die Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen. Im Streit um das Gedächtnis von Stonewall wurde das Video zu einer bedeutenden Inspirationsquelle der Vergangenheit für die Gegenwart.

Chris Tedjasukmana